Wenn der Produktionsplan den Realitätscheck besteht

Vom Brandlöscher zum Strategen:
27. Januar 2026
tetys

Es ist Montagmorgen, kurz nach halb acht. Der Kaffee in der Tasse dampft noch, und auf dem Bildschirm leuchtet der Wochenplan in beruhigendem Grün. Alles scheint perfekt. Die Aufträge sind geplant, die Schichten besetzt, das Material ist (theoretisch) gebucht. Für einen kurzen Moment herrscht das Gefühl absoluter Kontrolle.

Doch dann klingelt das Telefon.

Am anderen Ende ist der Schichtleiter der Halle 3. „Maschine 4 macht komische Geräusche, wir müssen sie runterfahren. Und übrigens, der LKW mit dem Granulat für Auftrag XY steht noch im Stau.“

Innerhalb von Sekunden zerfällt die Illusion der Kontrolle. Der grüne Plan wird rot. Das beruhigende Gefühl weicht einem Adrenalinschub. Der Planer-Modus wird ausgeschaltet, der „Feuerwehr-Modus“ aktiviert. Jetzt wird nicht mehr strategisch gedacht, jetzt wird improvisiert. Wir verschieben Zettel an der Plantafel, rufen Lieferanten an, verhandeln mit dem Vertrieb über Lieferverzüge und hoffen, dass uns das Kartenhaus nicht komplett zusammenfällt.

Wer in der Produktionsplanung arbeitet, kennt dieses Szenario nur zu gut. Man verbringen oft 20 Prozent der Zeit mit dem Erstellen von Plänen – und 80 Prozent damit, sie wieder über den Haufen zu werfen. Aber muss man das im Jahr 2026 wirklich noch akzeptieren?

Die teure Illusion der Stabilität

Lange Zeit galt in der Industrie: „Ein guter Plan ist ein stabiler Plan.“ Man hat versucht, die Realität in starre Excel-Tabellen oder ERP-Systeme zu pressen. Doch die Welt da draußen – und damit auch die Welt in den Werkshallen – hat sich verändert.

Volatile Märkte, unsichere globaler Lieferketten und die steigende Variantenvielfalt bei sinkenden Losgrößen machen „Stabilität“ zu einem beweglichen Ziel. Ein Plan, der am Freitag erstellt wurde, ist am Montagmorgen oft schon drei Mal überholt.

Das Problem dabei ist nicht nur der Stress für den Planer. Das Problem sind die massiven, versteckten Kosten, die durch dieses „Brandlöschen“ entstehen:

  1. Ineffiziente Ressourcennutzung: Wer ad-hoc umplant, nimmt oft höhere Rüstzeiten in Kauf, nur um die „Kuh vom Eis“ zu kriegen.
  2. Teure Überkapazitäten: Um Puffer für das Unvorhersehbare zu haben, hält man mehr Bestände und Personal als nötig.
  3. Qualitätsschwankungen: Hektik ist der Feind der Präzision. Schnelle Workarounds führen häufiger zu Fehlern als geplante Prozesse.

Wir bei tetys glauben: Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel. Weg vom Versuch, das Chaos zu ignorieren, hin zur Fähigkeit, das Chaos zu managen.

Adaptive Planung: Das Navigationssystem für die Fabrik

Vergleichen wir die Produktionsplanung mit einer Autofahrt. Der ein oder andere erinnert sich noch an Landkarten aus Papier. Wenn man in einen Stau geriet, saßen man fest – oder mussten mühsam rechts ranfahren, die Karte falten und eine neue Route suchen.

Heute nutzen wir Navigationssysteme mit Echtzeit-Daten. Wenn auf der Autobahn ein Unfall passiert, sagt uns das System sofort: „Verzögerung 20 Minuten. Alternativroute über die B1 spart 15 Minuten. Soll ich die Route ändern?“

Genau das ist der Unterschied zwischen klassischer Feinplanung und der adaptiven Planung, die wir 2026 als Standard in modernen Fertigungen sehen. Es geht nicht mehr nur um Digitalisierung (das reine Anzeigen von Daten), sondern um die Handlungsfähigkeit trotz Störung.

Eine moderne Planungslösung, integriert in ein leistungsfähiges MES, fungiert als dieses Navigationssystem. Sie erkennt durch die Rückmeldung aus dem Shopfloor sofort, wenn ein Prozess aus dem Takt gerät. Aber sie bleibt nicht bei der Fehlermeldung stehen.

Szenarien statt Bauchgefühl: Der „Was-wäre-wenn“-Button

Der entscheidende Vorteil einer integrierten Planungslösung ist die Simulation. Anstatt unter Zeitdruck aus dem Bauch heraus zu entscheiden („Lass uns Auftrag B vorziehen, das hat letztes Mal auch geklappt“), bietet die Software dem Planer validierte Szenarien an.

Wir stellen uns vor, Maschine 4 vom Anfang des Textes fällt aus. Das System rechnet im Hintergrund blitzschnell Alternativen durch:

  • Szenario A: Umplanung auf Maschine 2. Konsequenz: Der Liefertermin wird gehalten, aber wir müssen zweimal rüsten, dadurch entstehen Mehrkosten.
  • Szenario B: Verschiebung des Auftrags ans Ende der Woche. Konsequenz: Rüstkosten gespart, aber Lieferverzug von 24 Stunden.
  • Szenario C: Splitten des Loses. Die Hälfte wird sofort auf einer kleineren Anlage gefertigt, der Rest später.

Der Planer wird hier nicht durch eine Künstliche Intelligenz ersetzt. Er wird durch sie befähigt. Die Software übernimmt die komplexe Rechenarbeit, das Durchspielen der Abhängigkeiten und das Prüfen der Materialverfügbarkeit. Die Entscheidung – also die strategische Bewertung, was für den Kunden oder das Unternehmen gerade wichtiger ist – trifft weiterhin der Mensch. Aber er trifft sie fundiert, ruhig und datenbasiert.

Den „Ripple Effect“ beherrschen

Ein oft unterschätzter Aspekt manueller Umplanung ist der sogenannte „Ripple Effect“ (Welleneffekt). Wenn wir an einer Stelle im Plan manuell eingreifen, übersehen wir oft die Konsequenzen, die das drei Tage später an einer ganz anderen Stelle hat.

Vielleicht löst das Vorziehen eines Eilauftrags das Problem heute, führt aber dazu, dass übermorgen an der Verpackungslinie das Material fehlt, weil der Vorlauf für die Kartonage nicht bedacht wurde.

Ein digitales Planungssystem wie z.B. FEKOR hat das „Big Picture“ im Blick. Es sieht die Abhängigkeiten über alle Abteilungen hinweg – vom Wareneingang über die Fertigung und Montage bis zur Intralogistik. Es warnt vor Kollisionen, die das menschliche Gehirn in der Hektik des Montagmorgens gar nicht erfassen kann. Das schafft eine Ruhe im System, die sich auf die gesamte Belegschaft überträgt.

Resilienz als Wettbewerbsvorteil

Warum ist das Thema gerade jetzt, im Jahr 2026, so wichtig? Weil die Kundenanforderungen gestiegen sind. Liefertreue ist kein „Nice-to-have“ mehr, sondern oft der entscheidende Faktor bei der Auftragsvergabe. Wer seinen Kunden proaktiv informieren kann („Es gibt eine Verzögerung, aber wir haben bereits Lösung X eingeleitet und liefern morgen um 10:00 Uhr“), wirkt professionell und vertrauenswürdig. Wer erst anruft, wenn der LKW schon leer vor der Rampe steht, verliert langfristig das Vertrauen.

Resilienz in der Fertigung bedeutet also nicht nur, dass wir weniger Stress haben. Es bedeutet, dass unser Unternehmen widerstandsfähiger gegen Krisen wird und verlässlicher liefert – egal, was die Welt da draußen gerade macht.

Der Mensch im Fokus: Mentale Entlastung

Abschließend noch ein Gedanke, der uns bei tetys besonders am Herzen liegt: Die Rolle des Mitarbeiters. Der Fachkräftemangel zwingt uns, sorgsam mit unseren Ressourcen umzugehen. Einen erfahrenen Planer oder Meister permanent dem Stress eines „Feuerwehreinsatzes“ auszusetzen, führt zu Frustration und Burnout.

Gute Software ist auch eine Form der Wertschätzung. Sie nimmt den Mitarbeitern die monotone, nervenaufreibende Rechenarbeit ab und gibt ihnen den Raum, ihre eigentliche Expertise einzubringen: Prozesswissen, Kreativität und Kommunikation.

Wenn wir über Trends 2026 sprechen, reden viele über KI, autonome Roboter oder das Industrial Metaverse. Das sind spannende Themen. Aber der vielleicht wichtigste Trend ist die Rückkehr zur Planbarkeit in einer unplanbaren Welt.

Vom Brandlöscher zum Strategen zu werden, ist kein Hexenwerk. Es erfordert nur den Mut, die alten statischen Pläne loszulassen und sich auf dynamische Systeme einzulassen. Damit der Kaffee am nächsten Montagmorgen auch wirklich bis zum letzten Schluck warm genossen werden kann.

Image: Marina Henkelmann
Marina macht seit 2017 die tetys Hallen unsicher und tobt sich seitdem in vielen Bereichen aus. Neben dem Beherrschen des kreativen Chaos treibt sie hier vor allem mit ihren unglaublichen Fähigkeiten den IT-Support in den Wahnsinn. In ihrer Freizeit springt sie auch schon mal aus einem Flugzeug und schreit leidenschaftlich gerne 11 Millionäre auf einem Fußballplatz an. 

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